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Part of Tabula Peutingeriana - Rome

Tabula Peutingeriana – Single display of hits

Toponym TP (renewed):

Octoduro

Name (modern):

Martigny

Image:
To the image detail
Toponym before XII     Tarnaias     
Toponym following XXV     In summo Pennino     
Alternative Image ---
Image (Barrington 2000)
Image (Scheyb 1753) ---
Image (Welser 1598) ---
Image (MSI 2025) ---
Area:

Gaul/Germania

Toponym Type:

Toponym, no Symbol

Grid square:

2A3 / 2B3

Toponym Color:

black

Vignette Type :

---

Itinerary:

Octoduro (351,5)

Alternative Name (Lexica):

Octodurus (DNP)

Name A (RE):

Octodurus

Name B (Barrington Atlas):

Octodurus/Forum Claudii Vallensium (17 I1)

Name C (TIR/TIB/others):

 

Name D (Miller):

Octoduro

Name E (Levi):

 

Name F (Ravennate):

Octodorum (p. 63.13)

Name G (Ptolemy):

Ὀκτόδουρον (2,12,5)

Plinius:

 

Strabo:

 

Dating from Toponym on TP:

Roman Republic

Argument for Dating:

Die Quellenlage - früheste Erwähnung des Toponyms bei Caesar (s. Kommentar) legt die Aktualisierung der Karte an dieser Stelle im 1. Jh. v.Chr. nahe, auch wenn die meisten Belege der Kaiserzeit zuzuweisen sind.

Commentary on the Toponym:

Der auf der TP mit dem Toponym Octoduro (Octodurus) bezeichnete Ort, ein keltischer vicus, ist erstmals im Bellum Gallicum von Caesar als Hauptort der Veragrer (Veragri) und Schauplatz der Schlacht gegen die Gallier 57 v.Chr. erwähnt (Caes. Gall. 3, 1, 4: vico Veragrorum, qui appellatur Octodurus). Nachdem Augustus den Summus Poeninus (Großer St. Bernhard) für den Durchzug der römischen Truppen gesichert und in diesem Zusammenhang auch die Stationen Augusta Praetoria (Aosta) und Octodurus militärisch befestigt hatte (24 v.Chr.), begann der Ausbau der Passstraße. Ein wohl auf der Passhöhe gesetzter Meilenstein aus der Zeit Konstantins des Großen gibt die Entfernung nach Forum Claudii, also Octodurus, mit 24 Meilen an (CIL XII 5519: F C VAL XXIIII) und weicht damit nur geringfügig von der in der Tabula Peutingeriana angegebenen Distanz von 25 Meilen (36, 9 km) ab. Als Ort am Fuß des Alpenpasses gewann Octodurus somit schnell an Bedeutung. Älteste Siedlungsspuren datieren in die augusteische Zeit, auch ein Tempel wurde bereits in dieser Zeit errichtet. Unter Claudius erfolgte in unmittelbarer Nähe die Neugründung Ortes als Forum Claudii Augusti mit latinischem Recht, das als Hauptort der neuen Alpenprovinz Vallis Poenina (zeitweise vereinigt mit der Provinz Alpes Graiae) und Statthaltersitz fungierte; vgl. CIL XII 5522 (308-312 n.Chr.?): F(orum) C(laudii); CIL 5525 (Maximian, 305/06): F(orum) C(laudii) A(ugusti). Die Neugründung wurde mit dem Marktrecht ausgestattet und zur civitas Vallensium erhoben; vgl. HM 147 = CIL XIII 5006 = RIS 1, 45 = Genava 101= Wiblé, in: Vallesia 33, 43 J (2.Jh. n.Chr.): civitas Vallinsa; Not. Gall. 10, 2 p. 268: civitas Ualensium, Octodurum (var. Ualentium, Uallensium; var. Octodonum, Uctodorum, Orcodorus, Uctodoro, Iunctudoro, Iunctadoro). Noch im Laufe des 1.Jh. n.Chr. erhielt der Ort den Namen Forum Claudii Vallensium. Unter dieser, in der Regel abgekürzten Bezeichnung ist der Ort auch epigraphisch bezeugt, wobei folgende Abkürzungen gebräuchlich waren:
- F(orum) C(laudii) VALL(lensium) OCT(odurus): CIL XII 5523 (Licinianus Licinius, 307-323)
- F(oro) Cl(audii) Val(lensium): CIL XVII/2, 111 = CIL XII 5520 = Walser, Die röm. Straßen in der Schweiz 1, 27 Nr. 3 = Wiblé, in: Vallesia 33, 38f. Nr. 67 (Diokletian und Maximian, 293-305); CIL XVII/2, 110 = CIL XII 5521 = Walser, Die röm. Straßen in der Schweiz 1, 26 Nr. 2 = Wiblé, in: Vallesia 33, 38 Nr. 66 (308-312 n.Chr.); CIL XVII/2, 112 (301-400 n.Chr.); CIL XII 5524 = Wiblé, in: Vallesia 33, 39 Nr. 72 (Trajan, 99 n.Chr.);
- F(oro) Cl(audiensibus) Vallensibus: CIL XVII/2, 112a = Wiblé, in: Vallesia 33, 39 Nr. 68 (286-324 n.Chr.);
- F(oro) Cl(audiensibus) Vallensibus: AE 1977, 527 = AE 1982, 674 = Wiblé, in: Vallesia 33, 35 Nr. 47 (B) (253 n.Chr.).
Die Einwohner nannnten sich
- Octodurenses (Plin. nat. 3, 135);
Fo[roclaudi]en[ses]: AE 1985, 653 = CIL XII 105, 8f. = Walser, Die röm. Straßen in der Schweiz 3, 90f. Nr. 288 = Wiblé, in: Vallesia 33, 34 Nr. 44 (107/08 n.Chr.);
- Foroclaudienses Vallenses: AE 1987, 75 = AE 1898, 98 = Walser, Die röm. Straßen in der Schweiz 3, 56f. Nr. 271 Wiblé, in: Vallesia 33, 33 Nr. 36 (198-300 n.Chr.).
Auch nach der Umbenenung des Ortes in Forum Claudii Vallensium blieb der Name Octodurus weiterhin in Gebrauch (vgl. Ptol. 2, 12, 5: Ὀκτόδουρον; Rav. Cosm. 4, 26; Octodurum). Diese neue Siedlung wuchs rasch zu einer stadtähnlichen Siedlung heran und erlebte auf Grund seiner Lage am Großen St. Bernhard und der über den Alpenübergang führenden Handelswege bereits im 1.Jh. n.Chr. eine Blütezeit. In späterer Zeit wurde offenbar auch die Bezeichnung civitas Vallensium gebräuchlich.
Von dem Wohlstand zeugen das bereits nach kurzer Nutzungsdauer komplett neu angelegte Forum und repräsentative Villen, wie z.B. das Peristylhaus in insula 13 mit Baderaum nahe der Basilica und des Forums, ausgestattet u.a. mit zwei als Torsos erhaltenen Statuen des Apollo Citharoedus (1. Jh. n.Chr.) und des Herkules (2.Jh. n.Chr., hadrianische Zeit) aus Werkstätten im Mittelmeerraum (Baumer / Wiblé, La béauté du corps). Im 2. und 3.Jh. n.Chr. wurden ein kleines Amphitheater, mehrere Tempel und eine Brunnenanlage (nymphaeum) mit Wasserleitung neu errichtet, auch private und öffentliche Bauten wurden restauriert bzw. erneuert wie z.B. die Thermen. Wohl im 3. oder 4.Jh. wurden die Straßen mit Steinplatten ausgestattet; in einer Zeit verbreiteter Krisenphänomene erfreute sich der Ort also weiterhin eines gewissen Wohlstandes. In der zweiten Hälfte des 4.Jh. entstand der erste christliche Sakralbau. In dieser Zeit ist mit Theodor (Theodul) durch seine Unterschrift auf dem Konzil von Aquileia im Jahr (3.9.381) erstmals ein Bischof in Octodurus bezeugt: Theodorus episcopus octodorensis (PL 16, 395). Theodor gehörte zum Kreis des Ambrosius von Mailand wie auch wahrscheinlich zunächst die kirchliche Organisation im Wallis auf Mailand ausgerichtet war, bis sich dann im frühen 6.Jh. das Bistum Octodurum von Mailand löste und die Eingliederung ins Erzbistum Vienne erfolgte. Im 5.Jh. ersetzte eine Bischofskirche das Kirchengebäude aus dem 4.Jh.; dieser Baukomplex, mit Spolien aus den Kultbauten der römischen Siedlung ausgestattet, wurde offenbar zum neuen Zentrum des Ortes. Octodurus war ein Absatzmarkt für höherpreisige Importwaren (Amphoren aus Afrika, 5.Jh.), es gab dort also weiterhin eine teilweise finanzkräftige Einwohnerschaft. Zwischen 549 (Akten des Konzils von Orléans) und 585 (Akten des Konzils von Mâcon) wurde der Bischofssitz wegen der Langobardeneinfälle seit 570, eventuell auch wegen der Streitigkeiten zwischen dem Bischof von Octodurus und der Abtei St. Maurice, nach Sitten verlegt (Ewig, Die Merowinger, 115; Kaiser, Ring des Graifarius, 278f.). Auch wenn die hohen Kleriker in ihren Konzilsunterschriften in der Regel Sitten als ihre sedes angaben, blieb ein gewisser Bezug zu der civitas Vallensium erhalten - erkennbar etwa in der Unterschrift des Bischofs Leodomundus auf dem Konzil von Paris 614: Ex ciuitate Uallesse Leodomundus episcopus (MGH Conc. I 191; vgl. Anton, Studien zu den Klosterprivilegien, 130f.). Octodurus verlor daraufhin seine zentrale Stellung im Wallis. Die abnehmende Bedeutung des Fernhandels über den Summus Poeninus führte gegen Ende des 6.Jh. zum Zerfall des Ortes in mehrere kleinere Siedlungen oder Weiler. - Vgl. auch Insummo Pennino· und Augusta Pretoria.

"TP-Online-ID: 3417 — Octoduro

Desjardins S. 36.

Lesung und Namensform bei Desjardins: Octoduro; normalisierte Form: OCTODURUS VERAGRORUM, — FORUM CLAUDII VALLENSIUM OCTODURUS ou OCTODURENSE.

Lage und Route bei Desjardins: Region/Lage: Alpium Penninarum. Typ: Vicus des Veragri, puis chef-lieu de la civitas Vallensium. Route/Abschnitt: L. de Vesontine, Besançon, à In Summo Pennino, Grand Saint-Bernard.

Quellenstellen bei Desjardins: It. Ant. 351,4: Summo Pennino; 351,5: Octoduro; 351,6: Tarnaias; Caes. Gall. 3,1; Plin. Nat. 3,135: Octodurenses; epigraphische Formen F CL VALL OCT, F C A, F A, F C VAL, FOR CL VAL; Desjardins nach Mommsen, Inscr. Helv. 316–317, moderne Einzelkonkordanzen dieser beiden Belege nicht sicher bestimmt; Inschrift eines civis Vallensis bei Desjardins nach Mommsen 117, moderne Konkordanz nicht sicher bestimmt; Not. Gall. 10,2: civitas Vallensium, Octodurum; Rav. 4,26: Octodorum; CIL XVII.2 108 = CIL XII 5519, Meilenstein von Bourg-/Saint-Pierre-Mont-Joux: F(oro) C(laudii) Val(lensium) XXIIII; mittelalterlich civitas Valensium Octodoro, Octodorum castrum, episcopus Octodurensis, pagus Vallensis, regio Vallensis, Martiniacum.

Moderne Identifikation bei Desjardins: Martigny; außerdem das heute zerstörte Dorf Octan an der Dranse.

Kommentar und Forschungsstand bei Desjardins: Desjardins verbindet Caesars vicus Veragrorum mit Octodurus. De Saulcy, Revue archéologique III (1861), S. 9, lokalisiert Caesars Siedlung beiderseits des alten Dransebetts zwischen Martigny-Ville und Martigny-Bourg. Zu den Altertümern: de Haller II, S. 529. Den Meilenstein von Saint-Pierre diskutiert de Saulcy, Revue archéologique 1861, S. 455; de Haller II, S. 513, hält ihn für verschleppt und aus höherer Lage stammend. Desjardins erwähnt außerdem Dix-Milieu bei Sembranchier.

Zusatz aus Desjardins’ Gallien-/Germanienanalyse (S. 78–79): In der systematischen Einzelprüfung der Belgica führt Desjardins diesen Namen unter den Ortsnamen, die er ausdrücklich als sicher vor dem Tod des Augustus bzw. spätestens augusteisch einstuft.

Bearbeitungshinweis: Plinius jetzt modern Nat. 3,135. Typ exakt aus Desjardins. Bourg-Saint-Pierre-Meilenstein modern CIL XVII.2 108 = CIL XII 5519."

RE:
RE Goessler XVII,2 1868–1877 — Octodurus, Name für einen gallorömischen Ort, der seit dem 16. Jhdt. im heutigen Martigny (Martinach) a. d. Rhone, Kanton Wallis, erkannt ist. Der dort in einem abgegangenen Dorf „Octan“ nachlebende Name wird öfters genannt in antiken und frühmittelalterlichen Quellen: Caes. bell. Gall. III 1, 4 Octodurus; Plin. n. h. III 135 Octodurenses; Ptolemaios nennt ihn als Stadt in Raetien; Tab. Peut. segm. II 3 Octodurum als Station der Straße Genfer See–Gr. St. Bernhard–Aosta zwischen Tarnaias und in Summo Poenino; Itin. Ant. 351, 5 Octoduro; Rav. anon. Cosm. IV 26 Octodorum; Not. Galliarum 10, 2 Octodoro. Die frühmittelalterlichen Quellen beginnen mit Theodorus episcopus Octodorensis im concil. Aquilei vom J. 381. Der Name ist jedenfalls keltisch. Der Ort tritt besonders im Herbst 57 v. Chr. ins Licht der Geschichte, als Caesar durch die 12. Legion und Reiterei unter dem Legaten Servius Galba den Versuch machte, die poeninischen Alpen zu öffnen. Galba beschloß, mit acht Kohorten in vico Veragrorum, qui appellatur Octodurus zu überwintern. Der Vicus lag zwischen Martigny–Ville und Martigny–Bourg auf beiden Seiten der Drance. Über den Angriff der Veragrer und Seduner, die sechsstündige Gegenwehr der Römer und ihren endlichen Durchbruch s. Stähelin 81f. Gewaltig übertrieben ist jedenfalls die von Caesar bzw. Galba angegebene Zahl von mehr als 10 000 gefallenen Feinden, die selbst in der Stärke von 30 000 gekommen seien; Holmes 678 nimmt mit Recht kaum mehr als 10 000 Kelten an. Nebenbei sei erwähnt die sonderbare, längst von den Sachkennern zurückgewiesene Vermutung Eglis 29, daß dieses Blutbad unter den Kelten der geschichtliche Kern sei der vom ersten Bischof von Octodurum und der Schweiz überhaupt, Theodorus I., erfundenen Legende von dem unter Kaiser Maximian in St. Maurice — Ag(c)aunum — also nicht in Martigny — erfolgten Martyrium der thebaeischen Legion. Die Tatsache, daß Galba nach Zerstörung von O. sich ins Allobrogergebiet zurückgezogen hat und damit auf das ganze Unternehmen der Eroberung des Wallis verzichtet worden ist, beweist das Eingeständnis der Niederlage trotz bell. Gall. III 7, 1. Der neue Vorstoß gegen die Vallis Poenina mit dem Ergebnis der Einverleibung ist unter Augustus erfolgt, frühestens 12 v. Chr. Das Gebiet wurde zunächst verwaltungsmäßig zu Raetien gerechnet als Teil der Provinz Raetia, Vindelicia und Vallis Poenina. Auf den Tropaea Augusti sind unter den unterworfenen Alpenstämmen auch Nantuates, Seduni und Veragri genannt. In das Gebiet der Vallis Poenina teilen sich vier Stämme, außer den drei genannten noch die Uberer an den Rhonequellen. Bald mag die Aushebung für die Auxiliartruppen begonnen haben, wobei die Bildung einer ala Vallensis besondere Auszeichnung war. Die Romanisierung muß im poeninischen Tal besonders schnelle Fortschritte gemacht haben. Erhalten sind unter anderem Ehrungen der Kaiserprinzen Gaius und Lucius Caesar durch die Veragrer von Martigny und die Nantuaten von St. Maurice; aus dem J. 23 n. Chr. eine gemeinsame Loyalitätserklärung der civitates IIII vallis Poeninae für den jüngeren Drusus und aus dem J. 37 eine Ehrung für Kaiser Gaius durch dieselben vier Volksgemeinden. Die staatsrechtlichen Folgen zog Kaiser Claudius im Zusammenhang mit dem Bau der Fahrstraße über den Großen St. Bernhard, indem er den Octodurenses nach Plin. n. h. III 135 das Ius Latii schenkte. Wahrscheinlich wurde O. unmittelbar darauf vom vicus zum kaiserlichen Marktflecken forum erhoben und nahm eine Vormachtstellung in der vallis Poenina ein. Der offizielle Name lautete Forum Augusti bzw. seit Claudius’ Tod Forum Claudii (Augusti), mit oder ohne Octodurus Veragrorum. Eine wichtige Quelle sind die Meilensteine der Straße vom Großen St. Bernhard über Martigny die Rhone abwärts zum Genfer See. Sie rechnen die Entfernung von dieser Stadt aus. Der älteste Meilenstein der Schweiz, gefunden in St. Saphorin bei Vevey (CIL XII 5528 = Inscr. Helv. 311), wurde von Kaiser Claudius 47 errichtet und gibt an F(oro) A(ugusti) XXXVII, also 55 km von Martigny. Weitere Meilensteine stammen besonders aus dem Ende des 3. und der ersten Hälfte des 4. Jhdts. Der Ort heißt auf ihnen bald F C A (Forum Claudii Augusti), bald F C bzw. CL VAL (Forum Claudii Vallensium), bald F CL VALL OCT (Forum Claudii Vallensium Octodurus). Die Bewohner nannten sich Foroclaudienses Vallenses. Außer durch Meilensteine ist die Erhebung des Marktfleckens O. zur civitas Vallensium durch die Grabinschrift CIL XIII 5006, die Weihinschrift der ala Vallensium und die Not. Gall. bezeugt; hinzu kommt die Bedeutung von O. als Bischofssitz. Seit dem Bestehen der civitas Vallensium gab es im Zuge der Umwandlung des Ius Latii in römisches Vollbürgerrecht Gemeindebeamte, nämlich duumviri und seviri. Die tribus Sergia ist inschriftlich für die Vallenses bezeugt. Die in der Hauptsache unter Claudius erfolgten Rangerhöhungen änderten zunächst nichts an der Zugehörigkeit der vallis Poenina zur Provinz Raetien. Spätestens unter Marcus Aurelius und Lucius Verus wurde die vallis Poenina mit den Alpes Graiae zu einer prokuratorischen Provinz vereinigt. In der Not. Gall. ist die civitas Vallensium, id est Octoduro ein Teil der provincia Alpium Graiarum et Poeninarum. Über die Verhältnisse der civitas Vallensis zur Zeit der Reichsreform des 3./4. Jhdts. geben weitere Inschriften Auskunft. Außer den bereits genannten Inschriften aus O., den Meilensteinen und der Kaiserinschrift CIL XII 141 sind noch Grabschriften CIL XII 142 und 143 zu erwähnen. Ausgrabungen und Funde. Für die Bedeutung der Stadt sprechen vor allem die Reste zweier großer zwischen Martigny-Ville und Bourg festgestellter Bauten, eines Amphitheaters und eines Forums mit Basilika; in letzterem wurden unter anderem Goldmünzen gefunden. Die seit 1883 vorgenommenen Ausgrabungen ergaben mehrere Bauperioden. Das Amphitheater lag am Fuß des Mont Chemin in der Flur le Vivier. Das Forum mit Basilika lag unmittelbar nördlich davon in Flur aux Morasses. Die Grabungen der J. 1883/84 und 1885/97 ergaben einen älteren, wohl der Zeit des Claudius zuzuschreibenden Bau von 77 × 58 m und einen jüngeren, auf 92 × 65 m erweiterten Umbau. Der nördliche Teil der Anlage ist als Basilika anzusprechen; Vorbild war die Basilica Ulpia in Rom. Östlich daneben wurde ein Tempel mit Freitreppe und eine langgestreckte insula mit Wohnhäusern aufgedeckt, ferner Reste von Straßen. Ein in Martigny-Bourg gesehenes kolossales Kompositkapitell mit bärtigem Haupt zwischen geflügelten Genien gehört wohl zu dem genannten Tempel. Bei Beginn der Grabungen wurden in der Basilika sechs lebensgroße Bronzestatuenreste hervorragender Arbeit, wohl italischer und augusteischer Zeit, gefunden: Teile eines dreigehörnten Stiers sowie Reste zweier überlebensgroßer Statuen eines Mannes und einer Frau. Die Bronzen befinden sich im Museum Valeria in Sitten. Ferner mehrere Münzfunde, darunter aus der Brandschicht 19 Goldmünzen von Nero–Domitian und 104 Bronzen von Augustus–Gallienus sowie spätere Stücke. Deonna vermutet in einem bronzenen Möbelfuß aus Martigny einen Beweis für den Kult der Matres in der Schweiz; ferner stammt von dort eine Bronzestatuette der behelmten Minerva. Der Zustand der gewaltsam in Stücke zerschlagenen und in den Boden eines der Säle der Basilika eingegrabenen und mit Mörtel zugedeckten Großbronzen läßt auf absichtliche Zerstörung durch fanatische Christen schließen. Unbewiesen ist aber, ob diese auf den ersten Bischof Theodorus I. zurückgeht, der auf dem Platz die älteste Walliser Kathedrale erbaut hat. Diese ausgezeichnete Kontinuität stellt der Forschung wichtige Aufgaben, wie auch nach rückwärts ins Vorrömische. Am frühesten in der Schweiz ist von der Christianisierung das Wallis erfaßt worden. Theodorus hat im J. 381 laut den Akten der Synode von Aquileia deren Protokoll unterzeichnet als Theodorus episcopus Octodorensis. Die Erwähnung der civitas Vallensis id est Octoduro in der Not. Gall. aus dem Anfang des 5. Jhdts. beweist zugleich Bischofssitz und Diözese. Erst in der zweiten Hälfte des 6. Jhdts. ist der Bischofssitz von Martigny nach Sitten-Sion verlegt worden; die Belege in Form von Unterschriften der Bischöfe von Martigny gelegentlich von gallischen Synoden hören mit 549 auf. Siehe Mommsen Mon. Germ. hist. Auct. ant. IX 552. Dopsch Wirtschaftl. und soziale Grundlagen der europ. Kulturentwicklung II² 253. (Siehe auch Nachträge.) [Goessler.]

References:

Desjardins, Table, p. 36, col. 2, no. 5.

Miller, Itineraria, Sp. 75; Peter Goessler, in: RE XVII / 2, 1937, 1868-1877 s.v. Octodurus; Heinrich Büttner, Zur frühen Geschichte des Bistums Octodurum-Sitten und des Bistums Avenches-Lausanne, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte /Revue d’histoire ecclésiastique suisse 53, 1959, 241-266; Hans Hubert Anton, Studien zu den Klosterprivilegien der Päpste im frühen Mittelalter. Unter Berücksichtigung der Privilegierung von St. Maurice d’Agaune, Berlin 1975 (= Beiträge zur Geschichte und Quellenkunde des Mittelalters 4), 130-132; Regula Frei-Stolba, Die römische Schweiz. Ausgewählte staats- und verwaltungsrechtliche Probleme im Frühprinzipat, in: ANRW II 5 / 1, 1976, 288-403, hier 379-384; François Wiblé, Inscriptions latines du Valais antique, in: Vallesia 33, 1978, 31-53; Gerold Walser, Martigny als römische Strassenstation, in: Helvetia Archaeologica 19, 1979, 141-156; Gerold Walser, Zwei Kaiserinschriften aus dem Wallis, in: Vallesia 35, 1980, 121-125, hier 124f.; François Wiblé, Forum Claudii Vallensium. La ville romaine de Martigny, Martigny 1981 (= Guides archéologiques de la Suisse 17); Jean-Louis Maier, Genavae Augustae. Les inscriptions romaines de Genève, Genf 1983; François Wiblé, FORUM CLAUDII VALLENSIUM. Das römische Martigny, in: Antike Welt 14 / 2, 1983, 2-32; Gerold Walser, Römische Militärinschriften vom Großen St. Bernhard, in: Archäologie der Schweiz 6, 1983, 15-29, hier 15f.; Walter Drack / Rudolf Fellmann, Die Römer in der Schweiz, Stuttgart 1988, 435-443; François Wiblé, L’amphithéâtre romain de Martigny (Valais Suisse), avec des contributions de Antoine Lugon et Claude Olive, Fondation Pro Octoduro, Martigny 1991; Hans-Jörg Lehner / François Wiblé, Martigny VS: De la première cathédral du Valais à la paroissiale actuelle: la contribution de l’archéologie, in Helvetica archaeologica 25, 1994, 51-68; François Wiblé, Le mithraeum de Forum Claudii Vallensium/Martigny (Valais), in: Archäologie der Schweiz 18, 1995, 1-15; Guido Faccani / Hans-Rudolf Meier, Vom römischen Vorstadtbau zur römischen Bischofs- und Pfarrkirche, in: Vallesia 51, 1996, 243-270; Hans-Jörg Lehner / François Wiblé, L’église paleochretienne double de Martigny (Valais/Suisse), in: Antiquité tardive 4, 1996, 104-109; Olivier Paccolat, La maison de l’angle sud de „l’insula 1“ du Forum Claudii Vallensium (Martigny), in: Annales Valaisannes, 1996, 159-216; Noël Duval, L’église de Martigny (Valais): une nouvelle cathédrale double?, in: Bulletin Monumental 1997, 151-153; Gerold Walser, Zu den Römerstraßen in der Schweiz: die capita viae, in: MH 54, 1997. 53-61; Herbert Graßl, in: DNP 8, 2000, 1102 s.v. Octodurus; Guido Faccani, Martigny in spätantiker und frühmitelalterlicher Zeit, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 59, 2002, 169-176; François Wiblé, Martigny/Octodurus (Suisse), in: Supplément à la Revue archéologique du centre de la France 25, 2004, 451-456; Eugen Ewig, Die Merowinger und das Frankenreich, Stuttgart 2006 (5. Aufl.), 115; François Wiblé, Forum Claudii Vallensium, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 21.10.2009, übersetzt aus dem Französischen. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/037227/2009-10-21/, zuletzt abgerufen am 24.03.2022; Georges Descoedres / Simonetta Biaggio Simona / François Wiblé, Von den Göttern zu Gott: Die Anfänge des Christentums, in: Archäologie der Schweiz 33/2, 2010, 50-55; Reinhold Kaiser, War der Ring des Graifarius der Siegelring des Vaefarius dux Francorum?, in: Hagen Keller/Nikolaus Staubach (Hrg.), Iconologia sacra. Mythos, Bildkunst und Dichtung in der Religions- und Sozialgeschichte Alteuropas. Festschrift für Karl Hauck zum 75. Geburtstag, Berlin 1994 (= Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 23), 263-282, hier 278f.; François Wiblé, Conservation du patrimoine archéologique valaisan: les vestiges de la ville de Forum Claudii Vallensium mis en valeur à Martigny (Valais, Suisse), in: Xavier Delestré / François Wiblé (Hrg.), La valorisation des sites archéologiques. Actes du colloque international de Martigny (Suisse), 9-11 septembre 2011, Lausanne 2012 (= Cahiers d’archéologie romande 134/Archaeologica Vallesiana 10), 41-59; Lorenz E. Baumer / François Wiblé, La béauté du corps dans l’Antiquité grecque à Martigny-La-Romaine, in: Ian Jenkins/Victoria Turner (Hrg.), La béauté du corps dans l’Antiquité grecque, Catalogue d’exposition, en collaboration avec le British Museum, Londres. Fondation Pierre Gianadda, Martigny, 28 février-9 juin 2014, Martigny 2014, 341-371.

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