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Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana - Rom

Tabula Peutingeriana – Einzelanzeige

Toponym TP (aufgelöst):

Bruani

Name (modern):

 

Bild:
Zum Bildausschnitt auf der gesamten TP
Toponym vorher
Toponym nachher
Alternatives Bild ---
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Bild (MSI 2025) ---
Großraum:

Skythien

Toponym Typus:

Ethnikon

Planquadrat:

8A2

Farbe des Toponyms:

schwarz

Vignette Typus :

---

Itinerar (ed. Cuntz):

 

Alternativer Name (Lexika):

 

RE:

Abritani

Barrington Atlas:

 

TIR / TIB /sonstiges:

 

Miller:

 

Levi:

 

Ravennat:

 

Ptolemaios (ed. Stückelberger / Grasshoff):

 

Plinius:

 

Strabo:

 

Autor (Hellenismus / Späte Republik):

 

Datierung des Toponyms auf der TP:

---

Begründung zur Datierung:

 

Kommentar zum Toponym:

Welser liest an dieser Stelle auf der TP Bruani, Scheyb bietet den Namen Beruani. Im Original ist eindeutig Bruani zu erkennen. Tomaschek zufolge (RE I/1, 111 s.v. Abritani) ist der Eintrag als Toponym aufzufassen und mit dem nahe bei Pantikapaion am Kimemerischen Bosporus gelegenen Ort Biruani zu gleichen. Miller (Itineraria 619) setzt die Bruani mit den Abritani und Britani gleich, die allerdings mit den Erwähnungen beim Ravennaten (Cosm. Rav. 172, 18: Abritani; 368, 15: Bitrani) und bei Stephanos von Byzanz (s.v. Ἀβρινάται, vgl. Hirschfeld, in: RE I/1, 111) schwach bezeugt sind. Der Eintrag Bruani könnte Talbert zufolge als Ethnonym interpretiert werden, zu Recht weist er auf das schwer lesbare i am Wortende hin (https://www.cambridge.org/us/talbert/talbertdatabase/TPPlace2815.html). Wenn man weitere bedeutendere Orte als „Kandidaten“ für den Eintrag Bruani sucht, käme auch eine verstümmelte Form von Partenios/Parthenium oder Porthmion/Porthmium (Strab. 7, 4, 5 [310]: Παρθένιον; Anon. Periplus Ponti Euxini 70/28B: Πόρθμιος, Πόρθμοιν; Ptol. 3, 6, 4: Παρθένιον; Steph. Byz. s.v. Πορθμία, Πορθμίον). Dieser Ort, eine der „small towns“ am Nordostende des Kimmerischen Bosporus an der schmalsten Stelle der Durchfahrt, ist eine Koloniegründung des 6.Jh. v.Chr.; archäologisch nachgewiesen sind Verteidigungsanlagen aus der zweiten Hälfte des 6.Jh. v.Chr., die somit gemeinsam mit den fortifikatorischen Anlagen von Myrmekion zu den ältesten derartigen Bauwerken in dieser Region zählen (Vakhtina, On the Archaic Fortifications of Porthmion). Brandspuren im archäologischen Befund der Ortslage (und ebenso auch in Pantikapaion, Myrmekion, Tyritake, und Phanagoreia) weisen auf kriegerische Auseinandersetzungen, die angesichts des wachsenden Drucks durch skythische Verbände in Kontext von Migrationsbewegungen nomadischer Gruppen aus der östlichen eurasischen Steppe verstärkt gewaltsam in die Küstenregion vordrangen. Diese Entwicklungen in der ersten Hälfte des 5. Jh. v.Chr. sind der Kontext für den bei Diodor (12, 31, 1) berichteten Zusammenschluss der Poleis am kimmerischen Bosporus, sie sich unter der Führung der Archaianaktiden in einem Defensivbündnis zusammenschlossen und dann Teil des späteren Bosporanischen Reiches wurden (Juriy A. Vinogradov, Rhythms of Eurasia and the Main Historical Stages, 13-27, hier 14f.). Porthmion war bis in die späthellenisitische Zeit bedeutsam, gegenüber (auf der Taman-Halbinsel) liegt Achilleion.
Der Eintrag Bruani auf der TP ist m.E. am ehesten mit den wohl den Sarmaten zuzurechnenden Borani (Borani/Βορανοί) in Verbindung zu bringen. Dieser Stammesverband, von Zosimos auch als „Skythen“ bezeichnet (Zos. 1, 31, 2. 3; 32, 1), ist allerdings erst ab der Mitte des 3.Jh. n.Chr. (254/55 und 257/58) durch seine Beteilgung an überseeischen Raubzügen an den Küsten des Schwarzen Meeres (so auch in der Kolchis auf Pityus 254 und Trapezunt 258) bezeugt (Steinacher, Rom und die Barbaren, 53-55). Die Boraner werden zumeist im Verbund mit anderen Stämmen germanischer oder sarmatischer Zugehörigkeit genannt, so etwa bei Zosimos; ihm zufolge plünderten sie gemeinsam mit den Goten (Goti), Urugunden (Urugundi) und Karpen (Carpi) „die Städte in Europa“: αὖθις Γότθοι καὶ Βορανοὶ καὶ Ουὐρουῦγουνδοι καὶ Κάρποι τὰς κατὰ τηὴν Εὐρώπτην ἐλῄζοντο πόλεις (Zos. 1, 27, 1 [Zitat]; 31, 1). Diese Ereignisse gehören in den Kontext der Wanderungsbewegungen gotischer Stämme aus der Ostseeregion im 2./3.Jh. n.Chr. bis an die untere Donau und 254 bis nach Thessaloniki, einer Schwächeperiode des Bosporanischen Reiches (Zos. 1, 33, 3) durch den Usurpator Pharsantzes (wohl um 253/254-254/255) und der Verlegung römischer Truppen an die östliche Reichsgrenze (Euphrat) angesichts des von Valerian geplanten Feldzuges gegen die Sāsāniden. Die Instabilität des Bosporanischen Reiches machten sich die gotisch-sarmatischen Verbände, darunter auch die Boraner für ihre überseeischen Plünderungszüge zunutze, indem sie sich in den Besitz der Flotte der Bospoaner brachten. Nach einem ersten zurückgeschlagenen Angriff auf das gut geschützte Pityus (255) konnten die Boraner die Stadt 256 schließlich erobern (Zos. 1, 32, 3-33, 1). Noch im selben Jahr fiel ihnen auch das wohlhabende, stark befestigte Trapezus in die Hände (Zos. 1, 33, 2f.). Um zukünftig den Schutz der Küstengebiete in dieser Region vor den seeräuberischen Aktivitäten der Goten und Boraner zu gewährleisten, stationierte Diokletian die neugebildete legio I Pontica in Trapezus. Vgl. auch auch Mys[ - ? - ]y· (Myrmekion), Trapezunte·, Sopatos· und Tessalonicae (Thessalonike).

Literatur:

Gustav Hirschfeld, in: RE I / 1, 1893, 111 s.v. Abrinatai (oder Abinatai; Wilhelm Tomaschek, ebd., 111 s.v. Abritani; Maximilian Ihm, in: RE III / 1, 1897, 719 s.v. Borani; Wilhelm Tomaschek, ebd., 898 s.v. Bruchoi (Βροῦχοι); Erich Diehl, in: RE XVIII / 4, 1949, 1890 s.v. Parthenios 5; Miller, Itineraria, Sp. 619; Eckart Olshausen, Feste Grenzen und wandernde Völker: Trapezunt und die Boraner. Ein Beitrag zur Migrations- und Grenzraumproblematik, in: Bernard Rémy (Hrg.), Pontica I. Recherches sur l’histoire du Pons dans l’Antiquité, Istanbul 1991 (= Varia Anatolica 5), 25-37; Herwig Wolfram, Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie, München 2001 (4. Aufl.), 58-61; Alexander V. Podossinov, Eastern Europe in Roman Cartographic Tradition, Moscow 2002, 352 [in Russian]; Evrett L. Wheeler, The Army and the Limes in the East, in: Paul Erdkamp (Hrg.), A Companion to the Roman Army, Chichester 2007, 235-266, hier 254; Andreas Goltz/Udo Hartmann, Valerianus und Gallienus, in: Klaus-Peter Johne / Udo Hartmann / Thomas Gerhardt (Hrg.) Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr. (235-284), Band I, Berlin 2008, 223-296, hier 235f.; Juriy A. Vinogradov, Rhythms of Eurasia and the Main Historical Stages of the Kimmerian Bosporus in Pre-Roman Times, in: Pia Guldager Bilde / Jane Hjarl Petersen (Hrg.), Meetings of Cultures in the Black Sea Region: Between Conflict and Coexistence, Aarhus 2008, 13-27, hier 14f.; Roland Steinacher, Rom und die Barbaren. Völker im Alpen- und Donauraum (300-600), Stuttgart 2017, 53-55; David Braund, Greek Religion and Cults in the Black Sea Region: Goddesses in the Bosporan Kingdom from the Archaic Period to the Byzantine Era, Cambridge 2018, 17-25; Ders., Ancient Theatre and Performance in the Bosporan Kingdom, in. Ders./ Edith Hall / Rosie Wyles (Hrg.), Ancient Theatre and Performance Culture around the Black Sea, Cambridge 2019, 82-105, hier 100; Ralph Mathisen, Barbarian Invasion or Civil Wars? Goths as Auxiliary Forces in the Roman Army, in: Fritz Mitthof / Gunter Martin / Jana Grusková (Hrg.), Empire in Crisis: Gothic Invasions and Roman Historiography. Beiträge zu einer internationalen Tagung zu den Wiener Dexipp-Fragmenten (Dexippus Vindobonensis), Wien, 3.-6. Mai 2017, Wien 2020 (= Tyche Suppl. 12), 263-286, hier 268; Marina Vakhtina, On the Archaic Fortifications of Porthmion, in: Alexandru Avram / John Boardman / James Hargrave / Alexander V. Podossinov (Hrg.), Connecting the Ancient West and East: Studies Presented to Prof. Gocha R. Tsetskhladze, Leuven 2022 (= Monographs on Antiquity 8), 743-756.

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Letzte Bearbeitung:

23.03.2023 14:09


Cite this page:
https://tp-online.ku.de/einzelanzeige.php?id=1964 [zuletzt aufgerufen am 05.03.2026]

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